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Evangelische Kirchengemeinde Fornsbach

 

 

 

 

 

Gottesdienst zum Sonntag Kantate, 6. Mai 2012

10.00 Uhr Ev. Kirche Fornsbach

-Anschließend Ständerling-

 

Tagesspruch: Ps 98,1

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.

 

Psalm: 98 (739), „Ehr sei dem Vater“

Lesung 1: 2. Sam 22 (Auszüge)

1 Und David redete vor dem Herrn die Worte dieses Liedes zur Zeit, als ihn der Herr errettet hatte aus der Hand aller seiner Feinde und aus der Hand Sauls, und sprach:

2 Der Herr ist mein Fels und meine Burg und mein Erretter.

3 Gott ist mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heils,

mein Schutz und meine Zuflucht, mein Heiland, der du mir hilfst vor Gewalt.

7 Als mir angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott.

Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel, und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.

20 Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.

29 Ja, du, Herr, bist meine Leuchte; der Herr macht meine Finsternis licht.

32 Denn wer ist Gott, wenn nicht der Herr? Und wer ist ein Fels, wenn nicht unser Gott?

33 Gott stärkt mich mit Kraft und weist mir den rechten Weg.

50 Darum will ich dir danken, Herr, unter den Heiden und deinem Namen lobsingen,…

 

Chor: Gelobet sei der Herr (Strophe 1)

Lesung 2: Jes 12,2-6

2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht;

denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen!

Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

5 Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!

6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

 

Chor: Gelobet sei der Herr (Strophe 2)

 

Predigt: Apg 16, 23-34 (Gesang hinter Gittern)

Und das Volk wandte sich gegen sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herunterreißen und befahlen, sie mit Stöcken zu schlagen. Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.

Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?

Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.  Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

 

Cantate: Singt!

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag könnte ein Anlass sein, kulturpessimistisch daherzureden:

Cantate, Singt! Brauchen wir einen solchen Aufruf, weil uns das Singen abhanden zu kommen droht?

Die neuere Milieuforschung belegt mit eindrucksvoller Liebe zum Detail, dass die Gruppe der Menschen, die traditionelle Formen des Musizierens oder des Singens pflegt, immer kleiner wird. Aber was sage ich Gruppe, es sind eigentlich noch zwei Gruppen von Menschen: Die einen lieben klassische Musik, sie singen in der Kantorei, lesen viel und legen zuhause bestimmt noch alte Langspielplatten, mindestens aber klassische CDs auf.

Die anderen sind die Traditionellen, die in der Schule als Kinder das Singen und Musizieren gelernt haben, und die heute in Gesangvereinen, beim Wandern, in Kirche oder andernorts auch das Singen pflegen.

Und die vielen Andern? Nur zum Teil singen sie noch, in aller Regel jodeln oder grölen sie bestenfalls mit, wenn aus Musikantenstadel oder von der Punkband beim Festival Musik an ihre Ohren kommt.

 

Solche Milieus sind keine reinen Altersgruppen, sie sind eher nach ihrem Lebensstil von der Forschung zusammengefasst, nicht zuletzt, um als Konsumenten für die Werbung besser greifbar zu werden.

Milieustudien sind Marktanalysen. Aber sie zeigen: Immer älter, und darum immer weniger werden die, denen Musik nicht nur vom Zuhören, sondern auch vom Selbermachen vertraut ist.

 

Cantate: Singt! Brauchen wir also den Aufruf hinein in einen Mix aus Lebenskulturen, die im Durchschnitt das Singen verlernen werden?

 

Unser biblischer roter Faden für den heutigen Sonntag weist uns in eine andere Richtung: Cantate, singt! Singt dann, wenn euch das Wasser bis zum Hals steht, singt, wenn euch die Hände und womöglich die Füße gebunden sind, wenn ihr am liebsten weglaufen wolltet und es nicht könnt. Singt, wenn euch ganz und gar nicht zum Singen zumute ist.

 

Paulus und Silas, auch Silvanus genannt, sitzen hinter Gittern. Im untersten Verlies, Hochsicherheitstrakt römisch-griechischer Ordnungspolitik.

Was sie getan haben, und wofür sie büßen müssen, weshalb sie weggeschlossen werden, klingt sehr modern: Paulus und Silas haben an die Vernunft, ja, an die religiöse Vernunft der Menschen appelliert. Eine Hellseherin, scheinselbständig in Diensten religiöser Zuhälter, hatte bis dahin einen Reibach gemacht, hatte eine kleine spirituelle Industrie zur Beherrschung von Zukunftsängsten am Laufen gehalten. Die Männer im Hintergrund fürchteten wegen der aufklärerischen Haltung von Paulus und Silas um ihr Geschäftsmodell. Die Predigt über den vom Aberglauben befreienden Christus geriet zum geschäftsschädigenden Verhalten. Grund genug für körperliche Folter und für das Wegschließen im tiefsten Keller.

 

Der tiefe Keller wäre Grund genug zum - wenn auch leisen - Singen.

Hier unten gibt es kein Licht, keine Orientierung, und letztlich keine Zeit. Um Mitternacht begannen die Beiden singend zu beten. Vielleicht war es die innere Uhr, die sie zum Gebet veranlasst hat. Das jüdische Abendgebet, das Maariv, musste um Mitternacht beendet sein.

Dieses Gebet hat zwei Teile: Das sogenannte Achtzehngebet ist ein Lobpreis Gottes, die Bitte um das Kommen des Messias und ein einziges Ausstrecken nach Heil und Gerechtigkeit, nach Segen und Frieden. Der andere Teil des Abendgebets ist das „Höre Israel“, das Bekenntnis zu dem einen Gott, den sein Volk lieben soll von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all seiner Kraft.

Wir wissen, dass dieses „Höre Israel“, das eher gesungen als gesprochen wird, im Warschauer Ghetto an allen Ecken und Enden zu hören war, in Auschwitz und in anderen Folterkammern dieser Welt.

Wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, bleibt nur noch das Festhalten an dem, der eine andere Herrschaft, ein gerechtes und heilvolles Regiment versprochen hat. Das „Höre Israel“ ist in der christlichen Kirche weniger mit unserem Glaubensbekenntnis, sondern am ehesten mit dem Vaterunser vergleichbar.

 

Beten, wenn die Worte versagen. Singen, wenn die Stimme verstummt.

 

Paulus und Silas beten, griechisch ist vom Hymnus die Rede, vom ausgestalteten Lob Gottes. Wohl dem, der Worte zu beten hat, wenn ihm selbst die Worte abhanden kommen. Sie singen zumindest so laut, dass andere Gefangene ihre Stimme vernehmen. Ihr Lied gegen Resignation und gegen die Finsternis der Hoffnungslosigkeit.

 

 

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Ein Erdbeben zerschmettert die Schlösser an Tor und Türen, die Fessel lösen sich, der Weg zurück ins Leben steht den Gefangenen offen.

 

Der wie alle Wächter schläfrige Gefängniswärter kriecht nach und nach aus seiner Hypnose und entdeckt das Unfassbare: Schnell ist ihm klar: Ich habe versagt, das wird mich das Leben kosten. Da kann ich mich auch selber töten.

 

Paulus und Silas erkennen die Gefahr für den Wächter und retten ihn durch ihren Zuruf: „Wir sind alle noch da!“ Vielleicht doppeldeutig fragt der Wächter, der sich als Vertreter der Staatsmacht den Gefangenen zu Füßen wirft: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

 

Vielleicht wollte er nur wissen, wie er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen könnte, doch am Ende steht die Taufe und die Freude über ein neues Glied der Gemeinde Jesu in Europa.

 

Am gedeckten Tisch erleben Gefangene und Wärter eine Gemeinschaft, wie der Wärter sie vielleicht noch nie in seinem Leben erfahren hatte. Milieuübergreifende Verbundenheit: Das Wunder des Gottesgeistes in der Gemeinde Jesu Christi. Ob sie auch hier, am Tisch, mit einander gesungen haben?

 

Das gesungene Gebet, Auslöser für ein Wunder?

Vom Erdbeben hören und lesen wir; vom Bleiben der Gefangenen, obwohl Schloss und Riegel zerbrochen sind. Doch das größere, das eigentliche Wunder ist das Erdbeben im Lebensentwurf des Gefängniswärters.

Wer war ja ebenso Gefangener der Macht des Geldes, Gefangener einer Justiz, die diesen Namen nicht verdiente. Er musste sich mühevoll der Umklammerung des Schlafes lösen. Und er war sich bewusst, dass heute die Rettung aus diesem bisherigen Leben möglich war.

 

Nicht nur für Paulus, für Silas und die anderen Gefangenen öffnete sich das Gefängnis der Trostlosigkeit, auch dem Wärter öffnet sich die Tür ins Leben.

 

Singen, beten befreit. Singend beten befreit aus der Umklammerung der mundtot machenden Hilflosigkeit, aus der Umklammerung der abgestumpften Sprachlosigkeit und sogar aus der Umklammerung der verstummenden Macht des Todes.

Cantate, Singt!

Amen.

 

Lied: Die güldene Sonne bringt Freud und Wonne..., EG 444,1.2.3.5

 

Evangelisches Pfarramt Fornsbach, Pfarrer Steffen Kaltenbach
Blumenstraße 9, 71540 Murrhardt – Fornsbach,
Tel.: 07192/5257, Fax: 07192/936304
Mail: Pfarramt.Fornsbach@elk-wue.de; www.ev-kirchengemeinde-fornsbach.de

Bank: Evang. Kirchenpflege Fornsbach, Volksbank Backnang eG (602 911 20), Konto 672 200 007

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